Christoph Marthaler

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* 17.10.1951 Erlenbach ZH.

Musikstudium in Zürich (Oboe, Blockflöten und Originalinstrumente aus dem 14.–18. Jahrhundert). Weitere Musikstudien sowie Besuch der Theaterschule Lecoq in Paris. Mitte der siebziger Jahre erste Verpflichtung als Theatermusiker am →Theater am Neumarkt in Zürich unter →Horst Zankl. Zugleich Tätigkeit in der freien Theaterszene: 1974–78 war er Mitglied der Theatergruppe Tarot (mit →Dodo Hug und Pepe Solbach), 1979/80 von →Peter Brogles mobilem Varietétheater "Brogle’s Schaubude", ab 1980 in­szenierte M. eigene musikalisch-theatrale Projekte, zum Beispiel 1980 "Indeed" am ersten →Zürcher Theaterspektakel. Daneben komponierte er Bühnenmusiken an den Schauspielhäusern in Hamburg, Wien, Stuttgart, Düsseldorf, München, Bonn und regelmässig am →Schauspielhaus Zürich. 1988–93 war M. am →Theater Basel unter →Frank Baumbauer engagiert. Dort arbeitete er seinen Stil der collagenhaften Bühnen-Gesamtkunstwerke weiter aus: 1988 realisierte er im Badischen Bahnhof mit dem Dramaturgen Matthias Lilienthal, mit dem er bis in die neunziger Jahre regelmässig zusammenarbeitete, "Ankunft Bad. Bhf." zum 50. Jahrestag der Reichskristallnacht in Deutschland; seit 1989 hat M. sich in seinen Projekten immer wieder mit der Schweiz auseinander gesetzt, so 1989 im Soldatenliederabend zur Schweizer Armeeabschaffungsini­tiative "Wenn das Alpenhirn sich rötet, tötet, freie Schweizer, tötet … – Soldaten, Serviertöchter und ihre Lieder", 1990 in "Stägeli uf, Stägeli ab, juhee!" und 1993 in "Prohelvetia". 1991 begann er mit der Inszenierung von Labiches "Die Affäre Rue de Lourcine" am Theater Basel die enge Zusammen­arbeit mit der Bühnen- und Kostümbildnerin →Anna Viebrock und der Dramaturgin Stefanie Carp, mit denen er seither ein Inszenierungsteam bildet. Im Laufe seiner Arbeiten formierte sich um M. eine Künstlergruppe, der unter anderem die Schauspieler →Jean-Pierre Cornu, →Ueli Jäggi, →André Jung, →Albi Klieber (bis zu seinem Tod), Josef Ostendorf, →Siggi Schwientek und Graham F. Valentine, die Musiker →Ruedi Häusermann und →Jürg Kienberger, der Sänger →Christoph Homberger sowie der Tänzer und Choreograf Thomas Stache angehören. M.s Inszenierungen entstehen auf der Basis von Improvisationen, die Texte vieler seiner Projekte werden während der Proben entwickelt. Ab 1993 arbeitete M. regelmässig an der Volksbühne am Rosa-­Luxemburg-Platz in Berlin (Intendant: Frank Castorf) und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (Intendant: Baumbauer). Mit seinen viel beachteten Produktionen "Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!" (1993, Berlin), "Goethes Faust √1 + 2" (1993, Hamburg), "Stunde Null oder Die Kunst des Servierens" (1995, Hamburg), "Lina Böglis Reise" (1996, Berlin, Koproduktion mit dem Festival →Welt in Basel) sowie Horváths "Kasimir und Karoline" (1996, Hamburg) wurde M. jeweils zum Berliner Theatertreffen eingeladen; weitere internationale Festivaleinladungen folgten. Ab 1994 führte er auch im Musiktheater Regie: In Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Sylvain Cambreling entstanden an der Oper Frankfurt beispielsweise die Inszenierungen von Debussys "Pelléas et Mélisande" (1994) und Beethovens "Fidelio" (1997). Für die Salzburger Festspiele inszenierte M. unter anderem Janáčeks "Katja Kabanova" (1998). Am Theater Basel schuf er zusammen mit dem Dirigenten →Jürg Henneberger die Musiktheaterprojekte "The Unanswered Question" (1997, zum Berliner Theatertreffen eingeladen) und "20th Century Blues" (2000). 1997 wurde M. zum künstlerischen Direktor des Schauspielhauses Zürich gewählt. Am 21.9.2000 eröffnete er mit seinem Heimat- und Heimkehrprojekt "Hotel Angst" seine erste Spielzeit und mit dem Schiffbau im Zürcher Industriequartier zugleich eine neue Spielstätte. Am Schauspielhaus inszenierte er unter anderem 2001 Shakespeares "Was ihr wollt", 2002 Schuberts Liederzyklus "Die schöne Müllerin" sowie 2003 "Groundings" und Büchners "Dantons Tod" (alle zum Berliner Theatertreffen eingeladen). Unter seiner Direktion prägten Regisseure wie Falk Richter und Stefan Pucher mit ihren Inszenierungen das ästhetische Konzept entscheidend mit. Richter inszenierte unter anderem die deutschsprachigen Erstaufführungen von Jon Fosses "Die Nacht singt ihre Lieder", Mark Ravenhills "Polaroids" und Lars Noréns "Klinik", Pucher zeigte Klassiker in neuem Licht (Shake­speares "Ein Sommernachtstraum", "Heinrich IV." und "Richard III.", Tschechows "Drei Schwestern"). Auch Castorf (Dramatisierung von Döblins "Berlin Alexanderplatz" sowie O’Neills "Trauer muss Elektra tragen") und Andreas Kriegenburg (Ibsens "Stützen der Gesellschaft", →Bertolt Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti") gaben dem Schauspielhaus ein neues Gepräge. Musikalisch-theatrale Projekte unter anderem von Häusermann und Kienberger sowie Choreografien von Meg Stuart erweiterten den Spielplan. 2002 kündigte der Verwaltungsrat M. wegen rückläufiger Zuschauer- und Abonnentenzahlen sowie den damit verbundenen finanziellen Problemen, machte die Kündigung jedoch auf Grund von Protesten in der Bevölkerung wieder rückgängig. 2004 trat M. dennoch vorzeitig zurück. M. entwickelte mit seinen musikalisch-theatralen Collagen aus Text- und Musikelementen, die sich durch starke Rhythmisierung und Verlangsamung des Bühnen­geschehens sowie chorisches Zusammenspiel der Darstellerinnen und Darsteller auszeichnen, eine neue Ästhetik, welche die deutschsprachige Theaterlandschaft prägte.

Auszeichnungen

unter anderem

  • 1996 Konrad-Wolf-Preis der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg,
  • 1997 gemeinsam mit Viebrock Fritz-Kortner-Preis und Bayerischer Theaterpreis,
  • 1998 Premio Europa Nuove Realtà Teatrali,
  • 1999 Friedrich-Luft-Preis und Premio Ubu,
  • 1994, 1997 und 1999 Kritikerauszeichnung "Regisseur des Jahres" der Zeitschrift "Theater heute",
  • 2004 gemeinsam mit Viebrock Berliner Theaterpreis der Stiftung Preußische Seehandlung.

Literatur

  • Dermutz, Klaus: C. M. Die einsamen Menschen sind die besonderen Menschen, 2000 [mit Werkverzeichnis].
  • Schulz, Susanne: Die Figur im Theater C. M.s, 2002 [mit Bibliografie und Werkverzeichnis].
  • Roesner, David: Theater als Musik. Verfahren der Musikalisierung in chorischen Theaterformen bei C. M., Einar Schleef und Robert Wilson, 2003.


Autor: Dominique Spirgi



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Spirgi, Dominique: Christoph Marthaler, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 1186–1187, mit Abbildung auf s. 1186.

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