Behindertentheater

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Theater mit so genannt behinderten Schauspielerinnen und Schauspielern

B. umfasst ein breites Spektrum, das den künstlerischen Ausdruck theatraler Formen von Behinderten (Personen mit so genannt körperlicher und/oder geistiger Behinderung sowie mit gewissen psychischen Krankheiten) beinhaltet. Die Ziele, Ansprüche und Bedingungen von B. sind sehr unterschiedlich. Beispielsweise gibt es Formen des B., die sich unter therapeutischem Theater subsumieren lassen. Hier werden Theatergruppen beschrieben, die ihre Produktionen als Beitrag zur Kunst verstehen und mit behinderten Schauspielerinnen und Schauspielern professionelle Inszenierungen entwickeln. Diese Gruppen verstehen ihre Arbeit explizit nicht als Therapie. Manche Produktionen haben unter anderem die Intention, Kontakte von Behinderten und Nichtbehinderten zu fördern oder die Anliegen und Lebenswelt der Behinderten der Gesellschaft näher zu bringen. Im Diskurs über das B. stellen sich Fragen nach der Abgrenzung von Kunst, Therapie und sozialer Teilnahme, nach dem Stellenwert, der die Behinderung des Kunstschaffenden bei der Interpretation des Stücks einnehmen soll, sowie nach Voraussetzungen, welche die Trennung von "behindert" und "nichtbehindert" auflösen könnten.


Entwicklung

Bis in die siebziger Jahre sind nur einzelne Theateraufführungen von Behinderten in der Schweiz dokumentiert. Meist fanden sie, wie das auch heute noch häufig der Fall ist, im Rahmen einer Institution statt, in der Behinderte arbeiten, lernen und/oder wohnen. Seit den achtziger Jahren lassen sich vermehrt Aufführungen belegen. Die folgenden Beispiele sollen die Vielfalt der Inszenierungen zeigen, die sich unter anderem durch die unterschiedlichen Produktionsbedingungen ergibt. So fanden in den achtziger Jahren verschiedene Auftritte der Theatergruppe "Schandbänkli" im Raum Zürich statt, die aus der "Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppe" (ASZ) hervorgegangen war. Zu dieser Gruppe gehörten unter anderem körperlich behinderte, psychisch kranke oder kleinwüchsige Personen sowie Alkoholiker. 1982 wurde das Stück "L’‹Enflant’ qui avait deux yeux" unter der Regie von Pascal Dayer mit geistig Behinderten und Nichtbehinderten in verschiedenen Gemeinden der Kantone Wallis und Waadt aufgeführt. Masken erschwerten es dem Publikum, zwischen behinderten und nichtbehinderten Schauspielerinnen und Schauspielern zu unterscheiden. 1994 wurde →Hans Gmürs Komödie "Bitte nicht stören", die den Alltag von Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern thematisiert, im Schlossgutsaal in Münsingen gezeigt. 1997 gaben Gehörlose und professionelle, hörende Schauspielerinnen und Schauspieler sowie Tänzerinnen und Tänzer unter anderem im →Dojo in Bern das Stück "Und die Sprache bewegt sich doch" (Regie und Choreografie: →Nelly Bütikofer/→Paul Weibel), bei dem es um die Suche nach einer gemeinsamen Sprache geht. 1999 spielten zwei Kleinwüchsige das Stück "Kleines Hotel Brockenhaus", in dem sie humorvoll ihre Lebenserfahrungen als Kleinwüchsige thematisierten, unter anderem im Basler Pfarreiheim St. Anton. Ebenfalls seit den achtziger Jahren sind erste mehrtägige thematische Veranstaltungen dokumentiert. Diese zeigen, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema Behinderung im kulturellen Diskurs an Wichtigkeit gewann. So fand beispielsweise 1984 die Aktionswoche "Anders" in der →Roten Fabrik in Zürich statt, in deren Rahmen eine Theatergruppe von Sehbehinderten, die "Sehvögel" aus Thalwil, unter der Regie von →Hans Suter auftrat. 1987 fand im →Schauspielhaus Zürich, Zürich ZH, initiiert vom Leitungsteam des Schauspielhaus-Kellers, unter dem Titel "Anders sind alle" eine thematische Woche zu "Theater – Literatur – Behinderte" statt, in deren Rahmen beispielsweise die Jugendtheaterproduktion "Füür und Flamme" des →Theaters Chindlifrässer aufgeführt wurde, bei der zwei körperlich behinderte Jugendliche mitwirkten. Zu sehen waren zudem Produktionen des →Ateliers Mimo aus Mendrisio und des Anfang der achtziger Jahre gegründeten Münchner Crüppel Cabarets. 1990 fand erneut in der Roten Fabrik die Veranstaltungsreihe "Kultur von und mit Behinderten" statt, die durch das International Visual Theatre aus Frankreich, 1976 von Gehörlosen initiiert, eröffnet wurde. Ab 1995 organisierte das Theater Hora in Zürich in unregelmässigen Abständen internationale Festivals für Menschen mit geistiger Behinderung, 1996 beispielsweise unter dem Titel "Jenseits normal verrückt und verrückt normal". 2001 organisierten die Vereine "die Anderen" und "zmittsdrin", welche die Zusammenarbeit von Kunstschaffenden und Behinderten fördern, in der →Kaserne in Basel "Wildwuchs – das Kulturfestival für Solche und Andere". Im selben Jahr wurden im Rahmen des Berner Festivals →Auawirleben, Bern BE unter dem Titel "Die Kunst der Gratwanderung" verschiedene Produktionen von Behinderten gezeigt, beispielsweise "Personnages" frei nach Pirandellos "Sechs Personen suchen einen Autor" von der Compagnie de l’Oiseau-Mouche. Diese Theatergruppe aus dem französischen Roubaix bildet seit 1981 geistig behinderte Schauspielerinnen und Schauspieler aus und produziert mit ihnen Stücke. Die Compagnie Création Ephémère, die Gruppe der Theaterschule für geistig behinderte Schauspieler im französischen Millau, gab das Stück "La Rue blanche". Wie in Frankreich gibt es auch in Deutschland seit einigen Jahrzehnten Theatergruppen, die regelmässig mit Behinderten unter professionellem Anspruch Theater aufführen. Zudem existiert in Deutschland EUCREA, ein Netzwerk für behinderte Kunstschaffende. In der Schweiz gibt es drei Gruppen, die kontinuierlich mit behinderten Schauspielerinnen und Schauspielern arbeiten: das "Theater Hora" aus Zürich, "Die Regierung" aus Ebnat-Kappel sowie das "Théâtre de l’Esquisse" aus Genf, deren Arbeit im Weiteren erläutert werden soll.


Theater Hora

1989 begannen die Sozialpädagogin Gerda Fochs und der Theaterpädagoge Michael Elber die Theaterarbeit mit erwachsenen geistig behinderten Menschen. 1992 wurde das Theater auf den Namen Hora getauft und 1993 der Verein Theater Hora gegründet. Ziel ist es, die künstlerischen und kreativen Fähigkeiten geistig behinderter Menschen zu fördern und ihre individuelle Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen. 2002 konnte die "Hora-Kulturwerkstatt Züriwerk" gegründet werden, indem sie in die vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) anerkannte Stiftung "Züriwerk" (für Menschen mit vorwiegend geistiger Behinderung im Kanton Zürich) integriert wurde. Dies ermöglicht es den behinderten Kunstschaffenden, ihre Kunst erwerbsmässig auszuüben. Seit 2003 hat die Gruppe eine feste Spielstätte, das →Casino Aussersihl in Zürich. Das Theater Hora produzierte bisher ein bis zwei Stücke pro Jahr, machte Gastspielreisen in der Schweiz und nahm an Festivals im In- und Ausland teil. Zu seinen Inszenierungen gehörten unter anderem 1993 "Aber Zeit ist Leben und das Leben wohnt im Herzen" nach Michael Endes Roman "Momo", 1996 "ich ohne wir aus der ohnemichwelt" mit Texten des autistischen Schriftstellers Birger Sellin und Figuren aus Becketts "Warten auf Godot", 1997 "Lennie und George" nach Steinbecks "Of Mice and Men" erstmals zusammen mit nichtbehinderten Schauspielerinnen und Schauspielern, 1999 "All the World Is a Stage" nach Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" (Regie jeweils: Elber), 2000 "Die Lust am Scheitern", Theaterimprovisation von Schauspielern des Theaters Hora zusammen mit dem professionellen Musik-Performance-Ensemble "Blauzone" (Regie: →Beat Fäh und Elber). Das Theater Hora organisierte zudem 1995, 1996, 1999, 2001 und 2002 ein Festival geistig behinderter Künstlerinnen und Künstler. Das erste umfasste eine Bilderausstellung, Theater, Konzerte, Filme und bot Theaterworkshops an. 1999 produzierte Urs Wäckerli den Hora-Dokumentarfilm "Aber auch ich". 1998 wurde das Theater Hora mit dem Sozial- und Kulturpreis des Zürcher Frauenvereins (ZFV) ausgezeichnet.


Die Regierung

1981 gründeten Irene und Heinz Büchel in Ebnat-Kappel eine heilpädagogische Grossfamilie mit sechs geistig und körperlich behinderten Männern. Sie sind eine Arbeits- und Wohngemeinschaft und werden durch den Verein "Chupferhammer", der verschiedene Lebens- und Arbeitsgemeinschaften organisiert, administrativ und durch die Invalidenversicherung finanziell unterstützt. Ziel des Heilpädagogen und Musikers Büchel ist es, die Behinderten in die Gesellschaft zu integrieren und ihnen eine ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechende Arbeit zu ermöglichen. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, sieht er in der Musiktheatergruppe "Die Regierung". Büchel verbindet in dieser Arbeit die verschiedenen musikalischen Interessen der Männer. Sie spielen verschiedenste Stile wie Jazz, Rock, Blues, Ländler oder sphärische Musik und mischen diese auch miteinander. Oft arbeiten sie mit nichtbehinderten Kunstschaffenden verschiedener Stilrichtungen zusammen. 1986 entstand ihr erstes Musiktheaterstück "Herbergssuche", ein weihnachtliches Schattenspiel über Flüchtlinge und Asylanten, das in verschiedenen Kirchen aufgeführt wurde. Neben diversen Konzertauftritten folgte 1993 das Stück "Die behinderte Regierung", unter anderem zusammen mit dem Schauspieler →Alex Porter. Das Stück, nach dem die Gruppe sich schliesslich nannte, wurde in verschiedenen Kleintheatern der Schweiz aufgeführt. 1997 zeigten sie Felix Kaufs "Autofahren", das an das Festival →Blickfelder eingeladen wurde. Zu ihrem zwanzigjährigen Bestehen 2001 lud die →Claque die Regierung zur Werkschau nach Baden ein. In diesem Rahmen zeigte die Gruppe unter anderem das Stück "Lift", an dem sich viele Künstler beteiligten (etwa die Regisseurinnen →Meret Matter und Barbara Weber, der Comiczeichner Thomas Ott, das Künstlerduo Andres Lutz und Anders Guggisberg, die Band "Jean et les Peugeots", der Schriftsteller Peter Weber sowie die Jazzmusiker Léon Francioli und Daniel Bourquin). Diese Inszenierung wurde auch am Festival Auawirleben in Bern und am →Zürcher Theaterspektakel, Zürich ZH gezeigt. 2002 folgte "Halbtraum" mit dem Genfer Rockmusiker Polar, das an der Schweizerischen Landesausstellung Expo 02 aufgeführt wurde. Zudem produzierte die Regierung 1995 die CD "Zäme" (unter anderem zusammen mit den Musikern →Linard Bardill, Patent Ochsner, Christian Zehnder, Max Lässer, Werner Lüdi, Irene Schweizer, Paul Giger und Stop the Shoppers) sowie 1998 "Loch". 1998 drehte Christian Davi den Dokumentarfilm "Die Regierung – Montag, Dienstag, Mittwoch und zurück". 1999 wurde die Regierung mit dem Ostschweizer Radio- und Fernsehförderpreis und mit dem schweizerischen Heilpädagogenpreis, 2002 mit dem Anerkennungspreis der St. Galler Kulturstiftung ausgezeichnet.


Théâtre de l’Esquisse

Anfang der achtziger Jahre wurde der Verein "Autrement-Aujourd’hui" gegründet, um den künstlerischen Ausdruck geistig behinderter Jugendlicher und Erwachsener in Tanz-, Theater- und Musik­ateliers zu fördern. In diesem Rahmen entstand 1984 das →Théâtre de l’Esquisse, Genève GE unter der Leitung von Marie-Dominique Mascret und Gilles Anex, nachdem sie 1983 das Stück "Les vapeurs" mit der Compagnie de l’Oiseau-Mouche entwickelt und im Gaskessel von Nyon aufgeführt hatten. Mascret und Anex gehen davon aus, dass das, was geistig behinderte Menschen zu sagen haben, eine eigene und "andersartige" Wahrheit und Ästhetik hat. Sie fügen die einzelnen über Improvisation gefundenen Teile zu einem Theaterstück zusammen und erkunden neue Wege der Darstellung. Ausgehend von knappen Formen wird mit wenigen Worten eine Poesie der Einfachheit erzeugt. Ab 1992 beteiligten sich auch nichtbehinderte Darstellende an Produktionen des Théâtre de l’Esquisse. Seit 1995 wurden die behinderten Schauspielerinnen und Schauspieler zeitweise von ihren Arbeitsplätzen freigestellt, so dass ganztägig geprobt werden konnte, zudem erhalten sie für die Theaterarbeit einen Lohn. Das Théâtre de L’Esquisse inszenierte 1984 "Mirage", 1986 "Transit", 1987 "Les Portes" und "Rendez-vous en blanc", 1989 "Eclats de verre dans un terrain vague", 1992 "L’Archipel des songes" nach Raymond Roussels "Impressions d’Afrique", 1995 "La partenza" sowie 1999 "Un hangar sous le ciel" (Regie jeweils: Mascret und Anex). Mit den Produktionen, die seit 1989 in Koproduktion mit dem →Théâtre Saint-Gervais in Genf entstanden, waren sie auf Tourneen in der Schweiz (unter anderem mehrmals am →Bâtie-Festival in Genf), Frankreich und Belgien.

Literatur

  • Bucher, Delf/Klatt, Steffen/Scagnet, Ernst: Behindertenblues. Die Behindertenband "die Regierung", 1995.
  • Anex, Gilles/Mascret, Marie-Dominique: Le Théâtre de l’Esquisse. Itinéraire, 2000.
  • Müller, Angela/Schubert, Jutta (Hg.): Weltsichten, 2001.
  • Verein Theater Hora (Hg.): Theater Hora "Ich will Millonrein werden". 10 fantas­tische Jahre Theater Hora, o. J. Brändle, Rea/Kauf, Felix/Scagnet, Ernst: Die Regierung und Partner, 2004.


Autorin: Seline Soom



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Soom, Seline: Behindertentheater, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 145–148.

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