Theater Tuchlaube, Aarau AG

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Kleintheater, Gastspiele sowie Eigen- und Koproduktionen ohne festes Ensemble, Sprechtheater, Kinder- und Jugendtheater

Das Gebäude des heutigen T. wurde im 16. Jahrhundert erbaut und 1546 von der Stadt Aarau erworben, die darin ein Schlachthaus einrichtete. Ab 1792 hiess der zuvor "Tuchhaus" genannte Bau "Tuchlaube", später trug er auch den Namen "Alte Schaal". Bereits im 19. Jahrhundert diente der Saal über der Schlachthalle, der auch als Verkaufslokal für Tuchhändler genutzt wurde, verschiedenen Wandertruppen als Spielort. Anfang der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts initiierten unter anderem eine Jugendorganisation sowie die Verantwortlichen der →Innerstadtbühne Aarau eine erneute kulturelle Nutzung des Gebäudes; am 5.3.1972 hiess die Aarauer Bevölkerung den Umbau der städtischen Liegenschaft zu einem Jugendhaus mit Kleintheater und Cafeteria gut. Ab 1974 war der Theatersaal die Spielstätte der Innerstadtbühne. Nach deren Auflösung 1981 wurde das Haus zunächst interessierten Personen und Gruppen zur Verfügung gestellt und dann bis 1985 – auch bereits im Hinblick auf eine neue Trägerschaft des T. – von der städtischen Kulturkommission unter dem Namen "Szenaario" als Gastspieltheater betrieben. Gezeigt wurden unter anderem Produktionen von professionellen Aargauer Gruppen, verschiedenen Kleintheatern sowie 1983 zum Jubiläum "700 Jahre Stadtrecht" als Eigenproduktion Eduard Steiners "Jungfer Gabelschwanz". Im Auftrag des Stadtrats initiierte die Kulturkommission die Bildung einer neuen Trägerschaft: Am 21.8.1985 wurde der Verein "Szenaario" gegründet, der seither als Betreiber des T. fungiert. Sein statutarisch festgeschriebenes Ziel ist es, im T. Eigenproduktionen mit Schauspielerinnen und Schauspielern im Stückvertrag herauszubringen sowie Gastspiele zu veranstalten. Der Vereinsvorstand wählt die fest engagierte Leitung. Erster künstlerischer Leiter war 1986–91 →Hans Suter, der auch als Regisseur und Schauspieler wirkte. Neben einem breiten Spektrum von Gastspielaufführungen standen jährlich zwei Eigenproduktionen auf dem Spielplan. Gezeigt wurden beispielsweise 1986 Kroetz’ "Das Nest" (Regie: Suter), 1987 Cocteaus "Schreckliche Eltern" (Regie: Alexander Stoja), 1988 Turrinis "Rattenjagd" in einer schweizerdeutschen Fassung und die Schweizer Erstaufführung von Ayckbourns "Konfusionen" (Regie beide: Suter) sowie drei Satireprogramme von Suter. Ab 1991 setzte sich die Leitung jeweils aus zwei bis drei Personen zusammen, die sich administrative und künstlerische Aufgaben aufteilten: Urs Heller (1991–2003), Marianne Burg (1991–93), Barbara Schwarz (1993–2001), Adrian Meyer (1993–96), →Guy Krneta (1996–99), Judith Huber (ab 1999), Anita Zihlmann (ab 2002) und Dieter Sinniger (ab 2004). Wichtige Eigenproduktionen waren unter anderem die Uraufführungen von Claudia Storz’ "Meyers Stollen" (1991), →Ernst Burrens "Näschtwermi" (1992, Regie: →Franz Matter), →Ilma Rakusas "Jim" (1994, Regie: →Peter Schweiger), →Roger Lilles "Nocturne" (1997, Regie: →Maja Stolle) sowie eine Veranstaltungsreihe zu Hermann Burger (1995), →Klaus Merz’ "Die Schonung" (1991) und →Hansjörg Schneiders "S grossi Wälttheater" nach Calderón (1996, Regie: →Louis Naef). Parallel dazu entwickelte sich das T. zu einem wichtigen Spielort der freien Szene; mit diversen Gruppen wurden regelmässig Koproduktionen realisiert, etwa mit dem ortsansässigen Freien Theater M.A.R.I.A/→Theater Marie, dem Jugendtheater →Zamt & Zunder aus Baden, der Tanzkompanie Molteni aus Zürich (→Philipp Egli), der Luzerner Gruppe "zusammenstoss" sowie →Mark Wetter und seinem "Theaterschöneswetter". Seit 1997 realisiert das T. anstelle von Eigenproduktionen nur noch Koproduktionen mit verschiedenen anderen Kleintheatern und Gruppen (etwa acht bis zehn pro Spielzeit). 1998 begann mit der Ensembleproduktion "Der letzte Henker" (Regie: →Elias Perrig) eine verbindliche Zusammenarbeit mit dem →Schlachthaus Theater in Bern und dem →Theater an der Winkelwiese in Zürich. Gemeinsam lancierten diese drei Theater (zusammen mit anderen Beteiligten) auch das Dramatikerförderungsmodell "Dramenprozessor". Einen Schwerpunkt des T. bildet seit Beginn der neunziger Jahre das Kinder- und Jugendtheater. Für sein Engagement in diesem Bereich wurde Heller 1994 mit dem Förderpreis der →ASTEJ ausgezeichnet. Seit 1997 wird zweimal jährlich unter dem Namen "schnitz & drunder" ein umfangreiches Kinder- und Jugendtheaterprogramm angeboten, das vor allem von Schulklassen und Familien genutzt wird. Einen weiteren Bestandteil des Spielplans bilden Gastspiele unterschiedlicher Sparten. Finanziell wird das T. massgeblich gefördert von der Stadt Aarau, die auch das Gebäude kostenlos zur Verfügung stellt, sowie vom Aargauer Kuratorium; geringere Beiträge erhält es von einzelnen Aargauer Gemeinden und dem Trägerverein wie auch produktionsbezogen von verschiedenen Stiftungen und Sponsoren. Verbandsmitglied: ASTEJ, →KTV.

Spielstätte

Metzgergasse 18, 5000 Aarau. Spätgotisches Reihenhaus, im 16. Jahrhundert erbaut. Bis in die dreissiger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde das Gebäude als Schlachthaus genutzt, 1933–72 diente es der städtischen Feuerwehr als Magazin. 1974 Umbau zu einem Jugendhaus mit einem Theatersaal und einer Cafeteria. Theatersaal: Guckkastenbühne. Platzkapazität: 162 Plätze. Portal: 6 m breit, 2,8 m hoch. Bühne: 8 m breit, 3 m hoch, 4,5 m tief. Nach dem Auszug des Jugendhauses 1990 Umbau und seither nur noch Nutzung als Theater: neue Raumaufteilung, Verlegung des Theatereingangs, neue Bestuhlung, Vergrösserung der Bühne sowie Umbau der Räumlichkeiten des ehemaligen Jugendhauses zu einem Mehrzweckraum (Galerieraum). Theatersaal: Guckkastenbühne. Platzkapazität: 127 Plätze. Portal: 7 m breit, 3,8 m hoch. Bühne: 7 m breit, 4 m hoch, 6,5 m tief. Galerieraum: flexibel nutzbarer Raum. Platzkapazität: 120 Plätze.

Literatur

  • Gojan, Simone: Spielstätten der Schweiz, 1998.
  • Schlienger, Alfred: Brutstätte Provinz. Das T. Aarau. In: Theater der Zeit 5/2001.


Autor/Autorin: Guy Krneta/Tanja Stenzl



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Krneta, Guy/Stenzl, Tanja: Theater Tuchlaube, Aarau AG, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1888–1889.

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