Jeremias Gotthelf

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* 4.10.1797 Murten BE, heute: FR, † 22.10.1854 Lützelflüh BE, eigentlich Albert Bitzius.

Ausbildung zum Pfarrer in Bern, 1820 Pfarrvikar in Utzenstorf, 1832 zum Pfarrer von Lützelflüh im Emmental gewählt. 1836 Veröffentlichung des ersten Romans "Der Bauernspiegel", nach dessen Hauptperson er sich Jeremias G. nannte. Aus einer zunächst liberalen, später eher konservativen Perspektive schilderte G. in seinen Romanen, Novellen und Erzählungen – teilweise mit volkspädagogischem Anspruch – die politische und soziale Lebenswelt der Berner Landbevölkerung. Zahlreiche seiner Romane und Erzählungen wurden dramatisiert oder inspirierten (Mundart-)Autoren zu Volkstheaterstücken. Ohne ein einziges dramatisches Werk verfasst zu haben, beeinflusste G. damit nachhaltig die Entwicklung des Volkstheaters in der Schweiz. Die dramatischen Situationen und die kräftigen und kantigen Figuren seiner Werke schienen sich besonders für die Bühne zu eignen; allerdings gerieten die Dramatisierungen oft zu idyllischen Heimatstücken und feierten nostalgisch eine heile Welt. Ausgerechnet die spröde, wenig dramatische Novelle "Elsi, die seltsame Magd" (1843) eröffnete 1898 den Reigen und deutete zugleich eine konservative Tendenz der G.-Dramatisierungen an. Die zwei gleichnamigen Bearbeitungen von Arnold Heimann und Joel Leuenberger entstanden zum 100. Jahrestag des Untergangs des alten Bern, der auch den historischen Rahmen zu G.s Novelle gebildet hatte. In den zwanziger und dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts häuften sich die dramatischen Bearbeitungen von G.s Werken. Es entstanden beispielsweise →Simon Gfellers Dramatisierungen "Hansjoggeli, der Erbvetter" (1918) und "Geld und Geist" (1925), die seither in ungebrochener Tradition aufgeführt werden, Hans Corrodis "Das Dorngrüt" (1922, nach "Geld und Geist" und "Elsi, die seltsame Magd"), Gertrud Heubergers "Anne Bäbi Jowäger" (1925) und Elisabeth Baumgartners "Ueli der Chnächt" (1937), etwas später folgten mehrere Bearbeitungen von Frieda Wenger-Knopf. Eine besondere Stellung nimmt →Cäsar von Arx’ Dialektlustspiel "Vogel friss oder stirb!"(1931) ein, das verschiedene Vorlagen G.s ("Michels Brautschau", "Wie Joggeli eine Frau sucht") und Kleists ("Der zerbrochne Krug") miteinander verbindet und sich gegen eine verklärende Darstellung von G.s Welt wendet. Zu einer wichtigen Figur wurde G. vor allem im Zuge der geistigen Landesverteidigung. Die ersten Volkstheaterbearbeitungen der Erzählung "Die schwarze Spinne" entstanden in den Jahren 1948–49 (etwa von →Rudolf Joho unter dem Titel "Die schwarz Spinnele" und von Friedrich Nyffeler). Ebenfalls 1949 kamen zwei Opern mit dem Titel "Die schwarze Spinne" zur Uraufführung: →Heinrich Sutermeisters bereits 1936 als Radio-Oper produzierte Fassung auf ein Libretto von Albert Rösler (am →Stadttheater St. Gallen) und →Willy Burkhards Vertonung der Dramatisierung von →Robert Faesi und Georgette Boner (am →Stadttheater Zürich). Ab 1947 produzierte →Ernst Balzli auf der Grundlage von G.s Romanen äusserst populäre Dialekthörfolgen, die jedoch im G.-Jahr 1954 durch den Trivialitätsvorwurf des Germanisten Walter Muschg ein abruptes Ende fanden. Zu den Bühnenadaptionen aus den fünfziger Jahren zählen →Heinz Künzis "Der letscht Thorbärger" (1954, für das →Berner Heimatschutz-Theater), →Max Hansens "Kurt von Koppigen" (1955, am →Stadttheater Chur), →Werner Jukers "Ds Muschterteschtamänt" (1955) und →Hans Stalders "Dräck am Stäcke" (1957). Eine neue Serie von G.-Bearbeitungen entstand mit den Verfilmungen von →Franz Schnyder (1954 "Uli der Knecht", 1955 "Uli der Pächter", 1958 "Die Käserei in der Vehfreude", 1960 "Anne Bäbi Jowäger" und 1964 "Geld und Geist"). Für die jüngeren Autoren und das Berufstheater von Bedeutung war 1984 die Fernsehfassung von →Hansjörg Schneiders "Die schwarze Spinne" (Regie: →Werner Düggelin, Musik: →Rudolf Kelterborn) und 1982 die provokative Inszenierung von Gfellers "Geld und Geist"-Bearbeitung durch →Peter Schneider am →Theater 1230 Bern. In der Regie von Schneider realisierte dieses Theater auch eigene Bearbeitungen von "Der Bauern-Spiegel" (zwei Teile, 1985 und 1987) und "Dursli, der Branntweinsäufer" (1988). Als Freilichtspiel realisiert wurden Hansjörg Schneiders "Die schwarze Spinne" 1988 durch das Theater am Tatort in Trachselwald (Regie: Lukas Leuenberger) und Schneiders Bearbeitung von "Elsi, die seltsame Magd" 1994 am →Landschaftstheater Ballenberg. Im Umfeld des 200. Geburtstags G.s häuften sich moderne, weniger idealisierende Dramatisierungen wie 1997 →Markus Michels «Die Käserei in der Veh­freude» (→Theater Kanton Zürich) und "Elsi, die seltsame Magd" (Berner Heimatschutz-Theater), →Ueli Remunds "Brönz" (nach "Wie fünf Mädchen im Branntwein jämmerlich umkommen", Freilichttheater Moosegg) oder 1998 →Urs Widmers "Die schwarze Spinne" (→Theater Neumarkt Zürich). Als parodistische Auseinandersetzung mit der G.-Spieltradition von Amateurtheatern kam am 8.9.2004 →Beat Sterchis "Anne Bäbi im Säli" am →Theater Biel Solothurn zur Uraufführung.

Nachlass

  • Burgerbibliothek Bern.


Autor: Peter Arnold



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Arnold, Peter: Jeremias Gotthelf, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 739–740.

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