Theater St. Gallen, St. Gallen SG

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Dreispartenbetrieb mit festem Ensemble

1801 bewilligte die Kantonsregierung Säntis (heute St. Gallen) dem Theaterdirektor Johann Jacob Löhlein und seiner Wandertruppe ein Gesuch um Spielerlaubnis für sechs Monate in St. Gallen, nachdem es der Rat der Stadt kurz zuvor abgelehnt hatte. Als Spielstätte wurde ihm die unbenutzte klösterliche Wagenremise zwischen Karls- und Spisertor zugewiesen, die er auf eigene Kosten herrichtete und am 14.10.1801 mit Kotzebues "Die silberne Hochzeit" eröffnete. 1805 wurde unter der Leitung des ersten Landammanns des Kantons St. Gallen und Theaterautors Karl Müller-Friedberg die "Theater-Actionnairs-Gesellschaft" gegründet, die das Theater ("Theater in der fürstäbtlichen Remise") von der Kantonsregierung pachtete und es an Theaterdirektoren weiterverpachtete. Die Aktiengesellschaft baute die bislang nur unzureichend adaptierte Remise zu einem gebrauchstüchtigen Theaterraum um, der somit eine der ältesten stehenden Bühnen der Schweiz wurde. Die ersten Jahre brachten unter anderem durch das rege Wirken des humanistisch gebildeten Präsidenten Müller-Friedberg ein konstantes künstlerisches Niveau, das einerseits das Publikumsbedürfnis nach Unterhaltung bediente, andererseits mit anspruchsvollen dramatischen und musikalischen Werken aufwarten konnte. Finanzielle Probleme quälten allerdings nahezu jede der vom Theaterkomitee (dem ausführenden Organ der Theater AG) sorgfältig ausgewählten Theatertruppen. Nach dem Ausscheiden Müller-Friedbergs aus der Regierung 1831 gab es keine politische Unterstützung mehr für das Theater. Während der nächsten zwanzig Jahre wurde der Theaterbetrieb immer wieder saisonweise von der Regierung untersagt, existenzielle finanzielle Schwierigkeiten belasteten die Trägergesellschaft. Nachdem der 1855 auslaufende Pachtvertrag vom Kanton nicht erneuert wurde, fasste man den Entschluss zum Bau eines eigenen Theaters. Die neu gegründete "Aktiengesellschaft Stadttheater St. Gallen" erwarb zu diesem Zweck das Areal des städtischen Zeughauses. Nach zwei theaterlosen Jahren wurde am 5.11.1857 das neue Haus am Bohl mit Mozarts "Don Giovanni" eröffnet. Nach weiteren finanziell schweren Jahren bewilligte die politische Gemeinde 1862 zum ersten Mal eine geringe jährliche Subvention, die den Erhalt des Theaters vorläufig sicherte. Noch bis 1971 wurden die städtischen Subventionen jedoch nicht auf Dauer gewährt, sondern im Rahmen von Volksabstimmungen jeweils nur für einige Jahre, was immer wieder zu finanziellen Engpässen führte. Theaterdirek­toren – die nach wie vor häufig wechselten – kämpften mit mässigem Besuch und somit zu gerin­gen Einnahmen, besonders wenn der Pub­likumsgeschmack, der neben leichten Unterhal­tungsstücken auch grosse, aufwändig ausgestattete­ Opern verlangte, nicht ausreichend bedient wurde. Dennoch kam es immer wieder zu künstlerischen Höhepunkten, beispielsweise unter den Direktoren Ferdinand Stolte (1864/65) oder Franz Gottscheid (1905–07); besondere Ereignisse waren Gastspiele bedeutender Darsteller und Darstellerinnen wie wiederholt Marie Strassmann-Damböck, 1882 Ernst von Possart und Ludwig Barnay sowie 1899 Adele Sandrock. 1907–14 leitete →Paul von Bongardt das T., das unter seiner Direktion eine Blütezeit erlebte. Grosse Verdienste kamen ihm vor allem in der Pflege der Oper zu. Er inszenierte praktisch sämtliche Opern →Richard Wagners und brachte Richard Strauss’ Opern zur Aufführung. Im Sommer 1914 wurde er in die deutsche Armee eingezogen, alle Personalverträge wurden aufgelöst, das Theater wurde geschlossen. 1912 hatte mit der Wahl von →Ulrich Diem zum Präsidenten des Theaterkomitees eine neue Ära begonnen. In den 39 Jahren seiner Präsidentschaft (1912–51) engagierte Diem sich mit zeitweise bis an Sturheit grenzender Kraft für ein qualitativ hoch stehendes, der humanistischen Bildungsidee verpflichtetes Theater. 1915 übernahm er die Leitung des Theaters und führte es während des Ersten Weltkriegs in vier Wintersaisons als Gastspielbetrieb. Unter anderem gastierten die →Stadttheater Bern, Luzern und Zürich, Max Reinhardt mit dem Deutschen Theater Berlin und Richard Strauss mit der Meininger Hofkapelle. 1919 wurde das System der Pächterdirektionen aufgegeben, die Verantwortung durch die Aktiengesellschaft übernommen, und fest besoldete Direktoren wurden angestellt. Erster Direktor nach der Umstrukturierung war →Theo Modes (1919–23). Mit der Anstellung von →Richard Neumann als Kapellmeister (bis 1956) wurde der Aufbau eines eigenen Musiktheaters möglich. 1923–28 kehrte Bongardt als Direktor ans T. zurück. Er verpflichtete sich ab dem Sommer 1926 zur Übernahme der Sommerspielzeit am →Kurtheater Baden. Dadurch konnte das T. seinem Ensemble ganzjährige Anstellungsverträge anbieten. Erst fünfzig Jahre später, 1976, stellte das T. seinen Sommertheaterbetrieb ein. Nach Ignaz Branter (1928–30) und →Karl Schmid-Bloß (1930–32) wurde wiederum Modes Direktor des T. Während seiner ganzen Amtszeit blieb er umstritten: einerseits attestierte man ihm unbestreitbare künstlerische Qualitäten, andererseits wurden ihm mangelnde schweizerische Gesinnung und seine Sympathie für das nationalso­zia­listische Deutschland vorgeworfen. 1938 trat er auf theaterinternen und -externen Druck zurück. 1939–46 übernahm wiederum Diem interimistisch die künstlerische Leitung. Er lehnte jede ideologische Instrumentalisierung des Theaters ab, Qualität, nicht Nationalität war für ihn die spielplanbestimmende Grundlage. Nach dem Krieg wurde das Provisorium mit der Wahl eines neuen Direktors beendet: →Karl Gotthilf Kachler (1946–56), gleichzeitig Oberspielleiter, führte das T. auf hohem Niveau, in weit gehender Übereinstimmung mit Publikum und Kritik. Schwerpunkte waren antike Dramen von Sophokles, Euripides und Aischylos sowie zahlreiche Klassiker von Shakespeare, Goethe und Schiller, seltener wurden Stücke moderner Autoren wie Tennessee Williams oder T. S. Eliot aufgeführt. Im Musiktheater wurden knapp doppelt so viele Operetten wie Opern gezeigt, unter den Opern dominierten Werke aus der deutschen Romantik und von Mozart, ausserdem wurde 1949 →Heinrich Sutermeisters "Die schwarze Spinne" szenisch uraufgeführt. →Mara Jovanovits baute als Ballettmeisterin (1939–57) eine professionelle Tanztruppe von überregionaler Bedeutung auf, Neumann blieb bis 1956 erster Kapellmeister und musikalischer Oberleiter. Kachlers Nachfolger als Direktor und Oberspielleiter war 1956–66 →Karl Ferber. Sein vielfältiger Spielplan wurde geschätzt, unter anderem führte er →Bertolt Brecht in St. Gallen ein. →Max Lang, bereits seit 1951 am T., wirkte unter Ferber sowie unter dessen Nachfolger →Christoph Groszer als Kapellmeister und musikalischer Oberleiter, →Horst Lehrke führte als Ballettmeister 1957–66 die Balletttruppe auf hohem Niveau weiter. Die bauliche Substanz des Theaters und die Raumsituation sorgten allerdings in steigendem Mass für Probleme. So nutzte das Theaterkomitee 1960 ein Angebot, das Gebäude zu verkaufen, um in Zusammenarbeit mit der politischen Gemeinde im Grossmannpark ein neues, modernes Theater zu errichten, das in der Aufsehen erregenden Architektur Claude Paillards richtungsweisend für Theaterneubauten wurde. Das Theater im Grossmannpark wurde am 15.3.1968 mit Beet­­hovens "Fidelio" in der Regie des neuen Direktors Groszer (1967–72) eröffnet. Die Trägerorganisa­tion war 1967 in eine Genossenschaft umgewandelt worden (Genossenschaft Stadttheater St. Gallen). Diese Organisationsform ermöglichte es, das T., dessen Publikum zum grossen Teil aus der Region und dem benachbarten Ausland stammt, verstärkt in der Region und in allen Volkskreisen zu verankern. Unter Groszer erreichte das T. mit einem weit gefächerten Spielplan eine sehr hohe Besucher­frequenz. Speziell um die Sparte Oper machte sich Groszer verdient. Erstmals ging der Anteil an Operetten stark zurück, stattdessen wurden Musicals in den Spielplan aufgenommen, die seither einen wichtigen Pfeiler im St. Galler Repertoire bilden. Ballettmeister war 1966–71 →Jean-Pierre Genet. Seit 1969 wird auch die Studiobühne bespielt. Nach einer von →Ernst Dietz geleiteten Spielzeit übernahm →Wolfgang Zörner (1973–80) die Direktion des T. Ihm gelang es, durch geschickte Spielplan- und Ensemblepolitik, die Auslastungszahlen nochmals zu steigern. Sein Spielplan bot eine Mischung aus hochwertiger Unterhaltung und thematisch brisanten Werken oder ungewohnten Inszenierungen. Er verpflichtete Joachim Engel-Denis und Dietmar Pflegerl als Hausregisseure, musikalischer Oberleiter war 1972–83 Kurt Brass, das Ballett leiteten 1971–74 Klaus Riedel, 1974–76 Joel Schnee, 1976–79 Ronald Ashton und 1979/80 →Riccardo Duse. Im Musiktheater kamen selten gespielte Werke bekannter Komponisten zur Aufführung, so auch Schweizer Erstaufführungen von Donizetti und Verdi. Weitere Marksteine bildeten die Inszenierungen von Richard Strauss’ "Salome", "Der Rosenkavalier" und "Arabella". →Glado von May, Direktor 1980–92, setzte in einem ausgewogenen, publikumsfreundlichen Spielplan besonders im Musiktheater Schwerpunkte. Unter den musikalischen Oberleitern →Samuel Friedmann (1983–89) und →John Neschling (1990–97) kamen in einem breiten Repertoire vor allem die italienische Oper, insbesondere Verdi, aber auch Raritäten aus dem 20. Jahrhundert und dem slawischen Repertoire sowie Barockopern zur Aufführung. Der Anteil an Musicals wurde massiv erhöht, wobei die Hälfte Gastspielproduktionen waren. Das Ballett leiteten 1980–85 der Choreograf →Manfred Taubert und 1986–98 die Ballettmeisterin →Marianne Fuchs. Im Schauspiel hatte bis 1984 →Frederik Ribell die künstlerische Leitung inne, anschliessend von May, zeitweise zusammen mit dem fest ­engagierten Regisseur Jaroslav Gillar. Unter der Direktion von Hermann Keckeis (1992–93) fanden die Inszenierungen von Richard Strauss’ "Elektra" und Richard O’Briens Rock-Musical "Rocky Horror Show" internationale Anerkennung, ausserdem engagierte sich das T. verstärkt im Bereich des Kinder- und Jugendtheaters. Bereits im Oktober 1993 wurde jedoch der Vertrag mit Keckeis wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Verwaltungsrat vorzeitig aufgelöst. In der Folge wurde – zunächst ad interim, seit 1994 definitiv – ein Dreierdirektorium verpflichtet: Werner Signer als geschäftsführender Direktor, →Peter Schweiger als Schauspieldirektor (bis 2004) und Neschling als Operndirektor (bis 1997). Im Musiktheater standen seither vermehrt Ur- und Schweizer Erstauf­führungen (1998 →Daniel Fueters "Stichtag", 2001 Gérard Zinsstags "Ubu Cocu", 2003 Roland Mosers "Avatar") auf dem Spielplan. Im Schauspiel lag das Hauptgewicht auf Stücken des 20. Jahr­hunderts; das aktuelle dramatische Schaffen der Schweiz wurde in der Regel mit einer Produktion pro Spielzeit – meistens als Uraufführung – vorgestellt. Als Regisseurinnen wirkten regelmässig Anja Horst, Irmgard Lange, Dagmar Schlingmann und Katja Wolff. Bis 1996 wurde das T. fast ausschliesslich von der Stadt St. Gallen subventioniert. Heute sind auch der Kanton St. Gallen, die Gemeinden der Region sowie die Kantone Appenzell-Innerrhoden, Appenzell-Ausserrhoden und Thurgau an der ­Finan­zierung beteiligt. 2000 wurden die Trä­gerorganisa­tionen des Stadttheaters und des Sinfonieorchesters St. Gallen zur gemeinsamen "Genossenschaft Konzert und Theater St. Gallen" zusammengeschlossen, und das Stadttheater St. Gallen wurde in T. umbenannt. 2001 wurde die Regisseurin Franziska Severin Operndirektorin, musikalischer Oberleiter ist seit 2000 der Dirigent Jiří Kout. 2001 wurde →Philipp Egli Leiter der Tanzkompanie. 2004 löste Josef E. Köpplinger Schweiger als Schauspieldirektor ab. Verbands­mitglied: →SBV.

Spielstätten

Theater in der fürstäbtlichen Remise (am Karlstor)/Aktientheater (entspricht der heutigen Zeughausgasse 14–20, 9000 St. Gallen). Erbaut um 1795 als fürstäbtliche Wagenremise, als Theatersaal eröffnet am 14.10.1801. Theatersaal mit Galerien, 12 m breit, 5 m hoch, 34 m lang; Bühne an der Schmalseite, 5–6 m tief. Platzkapazität: 700–800 Plätze. Kaum vertiefter Orchestergraben für fünfzehn bis zwanzig Musiker.

Stadt- und Aktientheater/Theater am Bohl, Bohl 9, 9000 St. Gallen. Erbaut 1855–57 durch Johann Christoph Kunkler, eröffnet am 5.11.1857. Bau im historisierenden Stil der höfisch-barocken Residenztheater mit Guckkastenbühne und hufeisenförmigem Zuschauerraum mit zwei Rängen. Platzkapazität: 580–900 Plätze. Bühne: 18 m breit, 9,5 m tief; Portal: 8 m breit, 7–8 m hoch. Schnürboden, aufsetzbare Drehbühne. Orchestergraben für 35–45 Musikerinnen und Musiker. Umbauten: 1906–07 durch Wendelin Heene (Anbauten seitlich des Zuschauerraums, zusätzliche Garderoben und Magazine), 1938 durch Ernst Kuhn. 1971 abgerissen.

Theater im Stadtpark, Museumstrasse 24, 9004 St. Gallen. Erbaut 1964–68 durch Claude Paillard, eröffnet am 15.3.1968. 1995 Umbau. Betonbau mit einem sechseckigen Grundriss, der auch Guckkastenbühne und Zuschauerraum als Sechseck definiert. Platzkapazität: 740 Plätze. Portal fahrbar: 9–13 m breit, 5,5–7 m hoch; Bühne: 12,5 m tief (bei Anhebung des Orchestergrabens 17 m). Schnürbodenhöhe: 22 m. Orchestergraben für zirka 76 Musikerinnen und Musiker. Seitenbühne links 205 m2, Hinterbühne 185 m2, Wagenbühne.

Studiobühne: Variable sechseckige Raumbühne: 150 m2, 4,3 m hoch. Platzkapazität: maximal 140 Plätze.

Literatur

  • Diem, Ulrich: Aus der St. Gallischen Theatergeschichte. Teile 1–3, 1927, 1936, 1955.
  • Kachler, Karl Gotthilf et al.: Stadttheater St. Gallen, 1968. Rohrschacher Neujahrsblatt 1980.
  • Keckeis, Silke Christiane: Stadttheater. In: Wunderlich, Werner (Hg.): St. Gallen, 1999.


Autorin: Silke Christiane Keckeis



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Keckeis, Silke Christiane: Theater St. Gallen, St. Gallen SG, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1883–1886, mit Abbildungen auf S. 1883 und auf S. 1885.

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