Luzerner Theater, Luzern LU

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Dreispartenbetrieb mit festem Ensemble

Bereits zur Zeit der Freilichtaufführungen von Heiligen- und →Osterspielen wurden in Luzern Saalspiele aufgeführt, die vor allem in Zunftstuben und Gasthäusern sowie als Schultheater in Gebäuden der Jesuiten stattfanden. Als Vorgänger des heutigen L. gilt das 1740 eröffnete "Obrigkeitliche Comödienhaus", das sich über der Sakristei der Jesuitenkirche befand. 1834 musste es aus Sicherheitsgründen geschlossen werden, worauf bereits existierende Pläne zum Bau eines Stadttheaters erneut Aktualität erlangten. An der 1835 gegründeten Aktiengesellschaft, der ursprünglichen Eigentümerin des Stadttheaters, waren die Stadt, die Theater- und Musikliebhabergesellschaft (heute: Allgemeine Musikgesellschaft Luzern, AML) und die Zunft zu Safran beteiligt. Das Stadttheater wurde am 7.11.1839 mit Schillers "Wilhelm Tell", gespielt von Mitgliedern der Theater- und Musikliebhabergesellschaft, eröffnet. Anschliessend gab Julius Edele mit seiner Schauspielergesellschaft bis Ende Dezember rund zwanzig Schauspiel- und Opern­premieren. Die Aktiengesellschaft – und ab 1846 die Stadt, nachdem sie sämtliche Aktien gekauft hatte – verpachtete das Theater an Direktorinnen und Direktoren aus dem deutschen Sprachraum. Die Pachtbedingungen regelte ein Konzessionsvertrag zwischen Eigentümerin und Direktor, welcher mit seiner Truppe in der Regel rund zwei Monate in Luzern weilte (meist zwischen September und Dezember). Ansätze von ersten eigentlichen Winterspielzeiten (Ausdehnung der Spielzeit auf Januar, Ende des Jahrhunderts bis März) sind ab den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts festzustellen. 1867 stellte die Stadt die Theaterräumlichkeiten erstmals unentgeltlich zur Verfügung. Die Übernahme zahlreicher infrastruktureller Kosten des Theaters stellte eine weitere indirekte Subvention durch die Stadt dar, als Gegenleistung hatten die Direktoren verschiedene Auflagen zu befolgen. Zusätzlich an die Subventionen gekoppelt waren eine Spielplankontrolle sowie eine gewisse Mitbestimmung in personal- und finanzpolitischen Fragen durch die 1896–1936 existierende, von der Stadt eingesetzte Theaterkommission. Die Konzessionsverträge entsprachen im Laufe der Zeit eher einem Regiebetrieb als einem Pachtsystem. Erste Barsubventionen seitens der Stadt wurden dem Stadttheater ab dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entrichtet. Unter den zahlreichen Pächterinnen und Pächtern des Theaters während des 19. Jahrhunderts ist die erste Direktorin und erfolgreiche Bühnenautorin →Charlotte Birch-Pfeiffer (1840) zu erwähnen. Bisweilen nutzten auch die Theater- und Musikliebhabergesellschaft sowie andere Luzerner Vereine das Haus für Veranstaltungen. Während des Sonderbundskriegs 1845–48 blieb das Stadttheater geschlossen. Trotz der Barsubventionen seitens der Stadt sah sich der Direktor Hans Edmund (1915–24) gezwungen, wirtschaftlichen Schwierigkeiten mit einem publikumswirksamen Spielplan, in dem Lustspiele, Schwänke und Operetten dominierten, zu begegnen. Neben Eigenproduktionen wurden Gastspiele teils international bekannter Kräfte gegeben. Ende September 1924 beschädigte ein Brand das Theatergebäude und das Inventar schwer. Der Theaterbetrieb wurde kurzfristig auf die Bühne des Kursaals verlegt, während der darauf folgenden Saison 1925/26 blieb das Theater geschlossen. Unter der neuen Direktion von →Else Peppler-Gramlich (1926–29) sank die Anzahl der Inszenierungen, dafür steigerte sich deren Qualität. Grosse Differenzen mit der Theaterkommission führten jedoch zur Entlassung Peppler-Gramlichs. Nachdem ihrem Nachfolger Friedrich Beug nach nur zwei Jahren gekündigt wurde, da der Konzessionsvertrag nicht eingehalten werden konnte, übernahm die Stadt 1931 die Leitung des Betriebs, der Theaterdirektor erhielt von da an einen Dienstvertrag von der Stadt, einem Mitglied des Stadtrats wurde als Theaterdezernent die Verantwortung für den Theaterbetrieb übergeben. 1931–37 leitete Gottfried Falkenhausen, der bereits unter Peppler-Gramlich erfolgreicher Regisseur war, das Theater als Direktor. Er inszenierte unter anderem seine eigenen unter dem Pseudonym Karl Maria Linz erschienenen Stücke und pflegte besonders das schweizerische Theaterschaffen. Im Musiktheater wurden grosse Opern unter anderem von →Richard Wagner gezeigt. In den vierziger Jahren fanden in Luzern die ersten eigenständigen Ballettabende statt, unter der Leitung von Bice und Daniel Scheitlin (1946–57) etablierte sich erstmals eine professionelle Balletttruppe. Die Direktionen von →Carl Schneider (1937–42) und →Paul Eger (1942–47) sahen sich vor und während des Zweiten Weltkriegs mit ihren Spielplänen auch im Dienst der geistigen Landesverteidigung, ohne jedoch Stücke mit dezidiertem Bezug zum nationalsozialistischen Deutschland zu präsentieren. Neben Klassikern wurden unterhaltsame Stücke sowie während der Ära Schneider zeitgenössische Schweizer Dramatik gezeigt. Zudem fanden Gastspiele bekannter Emigranten und verschiedener Heimatschutztheater statt. Unter der Direktion von →Albert Wiesner (1947–53) und unter der musikalischen Oberleitung von →Max Sturzenegger (1942–60) fand am 17.8.1950 die erste Produktion im Rahmen der Internationalen Musikfestwochen Luzern (heute: Lucerne Festival) statt. Die jeweils mit internationalen Spitzenkräften besetzten Produktionen werden bis heute weitergeführt. →Walter Oberer zeigte während seiner Direktionszeit (1957–60) verschiedene Novitäten in Luzern, unter anderem mehrere Schweizer Erstaufführungen, beispielsweise von unbekannteren Texten fremdsprachiger Autoren wie Ionesco oder Tennessee Williams. Im Musiktheater brachte er in der Schweiz bisher nicht gespielte Opern von Händel und Haydn zur Aufführung. Als Leiter des Balletts engagierte er →Jean Deroc, der das Luzerner Ballett endgültig professionalisierte. →Horst Gnekow (1960–68) setzte sich zum Ziel, in seiner für damalige Verhältnisse pluralistischen, aber durchaus modernen Spielplangestaltung bewusst auf das Publikum und die Region einzugehen. Eine Konstante in seinem Spielplan bildeten Stücke von Shakespeare, von denen er auch unbekanntere mit Erfolg inszenierte. Als Schweizer Erstaufführung zeigte er unter anderem →Bertolt Brecht/Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny", "Die sieben Todsünden" und weitere Brecht-Stücke sowie die ersten, zum Teil sehr erfolgreichen Musicalinszenierungen. Der Dirigent →Ulrich Meyer-Schoellkopf (1972–82) führte während seiner Direktionszeit die Schweizer Komponisten →Othmar Schoeck und →Franz Xaver Schnyder von Wartensee auf und leistete einen Beitrag zur Wiederbelebung der Opern von Bellini und Donizetti. Sein Oberspielleiter des Schauspiels, →Peter H. Stöhr, konzentrierte sich auf die klassische Theaterliteratur (oft in Bearbeitungen). Der unter der Direktion Meyer-Schoellkopfs und →Philippe de Bros’ (1982–87) engagierte Leiter des Schauspiels Jean Paul Anderhub (1980–87) betonte hingegen den regionalen Aspekt des Theaters mit Uraufführungen von Schweizer Dramatikern, die in dem als Experimentierfeld gedachten Mobilen Studio im Kellerraum des Stadtthauses präsentiert wurden. 1982 gründete →Václav Eliáš das →Figurentheater des L. Das Luzerner Ballett erreichte unter dem Ballettmeister und Choreografen →Riccardo Duse (1972–79 und 1985–90) ein aussergewöhnlich hohes Niveau. Neben der Pflege des romantischen und klassischen Balletts unterstützte er den zeitgenössischen Tanz und lud vermehrt Choreografen der freien Tanzszene ein. Die gleichzeitige Leitung des Berner (→Stadttheater Bern) und Luzerner Balletts 1985–88 ermöglichte es ihm, Grossproduktionen wie Adams "Giselle", Tschaikowskys "Nussknacker" oder Minkus’ "Don Quixote" aufzuführen. Auf den Ballettdirektor →Thorsten Kreissig (1992–96) folgte →Richard Wherlock (1996–99), der mehrheitlich abstrakten, modernen Tanz choreografierte.

Anfang der fünfziger Jahre erhielt das Theater erste Subventionen einiger Luzerner Vorortsgemeinden, die dem prozentualen Besucheranteil der Gemeinden jedoch längst nicht entsprachen. Um das Theater finanziell und regional breiter abzustützen, wurde unter der Direktion von →Horst Statkus (1987–99) mit der am 1.1.1996 erfolgten Gründung der "Stiftung Luzerner Theater" eine neue Organisationsform realisiert. Einhergehend mit dem Namenswechsel, neu L., wurde das Theater nun von einer privatrechtlichen Stiftung getragen, der ausser der Stadt der Kanton Luzern, zwölf Gemeinden der Region sowie der Luzerner Theaterverein angehörten. Der entscheidend von der Chefdramaturgin →Ursula Werdenberg geprägte Spielplan des Schauspiels umfasste Klassiker ebenso wie zahlreiche Schweizer Erstaufführungen sowie im Rahmen der kontinuierlichen Autorenförderung Uraufführungen von Schweizer Dramatikern. →Marcello Viotti, Olaf Henzold und Jonathan Nott als musikalische Oberleiter trugen massgeblich zur grossen Resonanz im Musiktheater bei. 1999 übernahm →Barbara Mundel das Haus. Ein fast vollständig neues Schauspiel- und ein stark verändertes Opernensemble, eine Neukonzeption dieser Sparten mit neuen Regisseuren und die Auflösung des Balletts zu Gunsten eines choreografischen Zentrums fanden die Akzeptanz des überregionalen Feuilletons, aber nicht des Stammpublikums. Nachdem Mundel im zweiten Jahr ihren Vierjahresvertrag um zwei Jahre verlängert hatte, gab sie Ende der dritten Spielzeit ihren um ein Jahr vorgezogenen Rücktritt auf 2004 bekannt. Verbandsmitglied: →SBV.

Spielstätten

Theaterstrasse 2, 6003 Luzern. Architekt: Louis Pfyffer. Bauzeit: 1837–39. Eröffnung: 7.11.1839. Guckkastenbühne. Zuschauerraum mit zwei Rängen. Platzkapazität: 555 Plätze. Bühne: 12 m breit, 12–14 m hoch, 12 m tief. Portal: 8,5 m breit, 5,5 m hoch. Orchestergraben: 14 m breit, 7,5 m tief (50 Plätze). Nach der Zerstörung des Dachstocks durch den Theaterbrand 1924 Erhöhung des Theatergebäudes um ein Attikageschoss, Wiedereröffnung: 1926. 1969/70 Gesamtrenovation und Anbau, der das Foyer und Büroräume umfasst. Architekt: Eduard Renggli. Umfassende Sanierung und teilweise Erweiterung in den Sommerpausen 1997/98, Architekt: Peter Bentle. Nebenspielstätte: Winkelriedstrasse 10, 6003 Luzern. Spiel- und Zuschauerraum variabel. Platzkapazität: 70–90 Plätze. Eröffnung: 15.5.1973 als "Mobiles Studio", ab 1987 "SL-Studio", ab 1990 "SL-Studio junge Bühne", ab 1996 "junge bühne", seit 1999 "UG".

Literatur

  • Schill, Paul: Festschrift zur 100. Spielzeit im Luzerner Stadttheater, 1946.
  • Kaufmann, Robert: 125 Jahre Stadttheater Luzern, 1964.
  • Dezernat des Stadttheaters Luzern (Hg.): Luzern und sein Theater, 1989.
  • Quadri, Peter: "Lieber kein Theater als ein schlechtes Theater". Das Stadttheater Luzern im Spiegel der Luzerner Politik zwischen 1896 und 1936. Lizenziatsarbeit der Universität Zürich, 1996.
  • Gojan, Simone: Spielstätten der Schweiz, 1998.


Autorin: Anne-Christine Gnekow



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Gnekow, Anne-Christine: Luzerner Theater, Luzern LU, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 1146–1148, mit Abbildung auf S. 1145.

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